Der Tanz im Wasser

Wassertherapie, was soll dieser Begriff mir vermitteln? Meine Vorstellungen führen mich in ein typisches Therapiebad, wie sie in deutschen Thermen zu finden sind. Ich sehe vor meinem geistigen Auge einen weißkittligen muskulösen Therapeuten, der ungelenkige oder nach Unfällen behinderte oder alte Menschen mittels eines vollautomatischen Hebelifts in ein Therapiebecken hievt und dort bewegt, mit dem Ziel ihre Gelenkigkeit wieder herzustellen. Der Gedanke hat für mich wenig befruchtendes Potenzial. Ich bin ja gesund und noch ganz gut beweglich, alt fühle ich mich auch noch nicht. Was also soll ich bitte mit Wassertherapie?

Doch es gibt auch Wassertherapie der ganz anderen Art, ich hatte bis dato nur nichts davon gehört. Seit einem Jahr jedoch bin ich neugierig, um nicht zu sagen infiziert von der Idee. Meine Meditationsschwester Christine hat in solch blühenden Farben davon erzählt, dass ich bereits ein Jahr im Voraus einen Flug nach Montegrotto in den euganäischen Hügeln gebucht habe. Denn so ging die Mähr, es handle sich dort um ein, dem geneigten Mitteleuropäer völlig unbekanntes, neues Wassergefühl. Das Wasser, welches den euganäischen Hügeln entspringt, sei vulkanischen Ursprungs, äußerst mineralreich und damit gesund. Überdies käme es sehr heiß aus den Quellen und stünde dem Wasserliebenden mit 35°C zur Verfügung. Und dies noch in dem Land, wo die Zitronen blühen! Das Land, auf das sich alle Sehnsüchte eines wettermäßig wenig verwöhnten Mitteleuropäers seit Generationen projizieren!

Geleitet wurde die Expedition ins Reich der vulkanischen Brunnen von Uwe und Yvonne. Beide sind vom Meister der etwas anderen Ganzheitsmedizin, Rüdiger Dahlke, (überwiegend in Montegrotto) ausgebildete Atem- und Wassertherapeuten. Mit den beiden kann man also atmen, hervorragend meditieren und auch noch im Wasser viel Neues erleben. Dem Expeditionsteam gehörten acht mutige Teilnehmer an. Wir sind eine bunt gemischte Altersgruppe, rein optisch, gesunder Menschen, zwischen Ende Dreißig bis etwas über sechzig. Das Forschungsgebiet war wie gesagt das Wasser. Es befand sich sehr appetitlich in einem wunderschönen Hotelpool und hatte die versprochenen 35°C. Wie in der Badewanne! Man kann sich kaum vorstellen, dass dies eine Wonne darstellt, wenn die Lufttemperatur fast genauso hoch ist. Aber es ist eine Wonne!

Unser Team startete in den frühen Morgenstunden, also um 7 Uhr, seine Wassererkundungen. Um diese Zeit war der Hotelpool nur für uns, die anderen Menschen schliefen noch oder waren beim Frühstücken. Die glatte, leicht dampfende Wasserfläche lag ruhig da. Hurra, wir kommen!

Erstaunlich war für mich, dass ich von Yvonne erst einmal darauf aufmerksam gemacht werden musste, wie unglaublich fein das Wasser meinen Körper umschmeichelt. Traurigerweise ist mir dieses Feingefühl irgendwann einmal auf meiner Lebensreise abhanden gekommen. Als Kind hatte ich eine ungeheuer große Affinität zum Wasserelement. Stundenlang hielt ich es in den nassen Fluten aus und kann mich an großes Wohlgefühl erinnern. Jetzt war es wieder da und ganz präsent! „Die Wahrnehmung lässt sich steigern, wenn man auf dem Wasser schwebt. Also, legt euch mal auf das Wasser und lasst euch treiben! Achtet auf die Berührung eurer Haut mit dem Wasser und nehmt auch die Grenze zwischen Luft und Wasser wahr!“ lautete die Anweisung. Einfach gesagt, schwieriger ausgeführt! Meine Beine wollen nicht oben bleiben. Immer wieder sinken sie auf den Beckengrund. Doch da gibt es Abhilfe. Kleine Schwimmflügel, fast ohne Luft, geben meinen Beinen den notwendigen Auftrieb. Und schon kann ich auf dem Wasser schweben. Ich nehme ein wunderbares Streicheln des weichen und warmen Wassers am ganzen Körper wahr. Der Kopf mit den Ohren taucht unter - Friede! Plötzlich bin da nur noch ich. Die anderen gründeln ebenfalls so vor sich hin und ich nehme sie nicht mehr wahr. Ich komme sehr rasch in einen Zustand, wo sich Zeit und Raum auflösen. Toll!

Doch das ist natürlich nicht alles. Als nächstes geht es daran, Vertrauen zu entwickeln und sich durch einen anderen Menschen durch das Wasser führen oder ziehen zu lassen. Dazu begibt man sich in die Rolle eines „Wasserbabys“. Der „Therapeut“ nimmt sein „Wasserbaby“ in den Arm, der Kopf ruht in seiner linken Armbeuge, die Kniekehlen liegen in der rechten. Umsichtig führt der Therapeut sein Baby durch das Wasser. Er achtet darauf, dass der Kopf des anderen so weit ins Wasser eintaucht, dass die Ohren unter Wasser sind (ständiges Auf und Ab würde das Baby ungemein stören) und die Knie nicht zu weit in die kühle Luft ragen. Da wir mit Uwe und Yvonne nur zwei „echte“ Therapeuten im Team haben, werden wir rasch in die Rolle von Nebentherapeuten eingewiesen und führen uns gegenseitig vorsichtig und mit voller Konzentration durch das warme Nass. Ich habe nach dem Ursprung des Therapeutenbegriffs gesucht und eine sehr schöne Erklärung gefunden: Er leitet sich ab vom griechischen Wort θεραπεία, was sich mit Gottesverehrung übersetzen lässt. In der Medizin bezeichnet der Begriff die Maßnahmen zur Behandlung von Krankheiten und Verletzungen. Im Zusammenhang mit der Wassertherapie gefällt mir die erste Wortbedeutung viel besser. Es ist in der Tat irgendwie weihevoll, einen anderen Menschen mit voller Konzentration durch das Wasser zu geleiten. Dieser Mensch ist ja, genau wie ich, ein Wesen, das von Gott gewollt ist. Und der Gedanke, einen Funken Gottes durch das Wasser zu geleiten, macht schon einen starken Eindruck auf mich. Sicherlich ist die Maßnahme auch zur Heilung körperlicher Gebrechen eine wundervolle Möglichkeit, eher ist sie jedoch zur Heilung der Seele gedacht. Denn diese hat es bei uns modernen Neuzeitmenschen bitterlich nötig!

Der Mensch entstammt dem Wasser. Erst zum Zeitpunkt seiner Geburt verlässt er dieses Medium und wird kurzerhand an die Luft gesetzt. Die wunderschöne und sorglose Zeit im schützenden Uterus des Mutterleibs ist unwiderruflich zu Ende. Mit dem ersten Atemzug beginnt die Selbständigkeit, die fortan für viele Jahre des Lebens bestand haben soll.

Und doch bleibt im Gedächtnis irgendwie die Erinnerung an diese selige Zeit. Und sie ersteht im Eintauchen in das Medium Wasser aufs Neue. Der Zustand, in welchem Zeit und Raum keine Rolle spielen, erobert ganz rasch die Gefühlswelt und lässt dieses heimische Wohlgefühl in mir erstehen. Der Zustand des vertrauensvollen Schwebens ist so groß, dass die Zeit im Nu vergeht.

Uwe holt uns in die Echtzeit zurück und erinnert uns daran, dass es nach dem ganzen „Wohlgefühle“ nun erforderlich wäre, die weit offen stehenden Poren des Körpers zu schließen. Dies geschieht im Kneippbecken, das in die Badelandschaft integriert ist. Mit Heldenmut schreitet er voran, japst, genau wie wir nachfolgenden, nach Luft und taucht am hinteren Ende des Beckens ganz in die kalte Pracht ab. Da zieht es einem in der Tat jede Pore zusammen! Brrr! Anschließend geht es ins warme Wasser zurück. Die Haut reagiert darauf, sie prickelt und sticht. Die ganze Prozedur muss dreimal wiederholt werden, bevor wir in die Dusche dürfen und dann in den Bademantel.

Nach Fango um 3 Uhr, Meditation um 6 Uhr und Wasserbaby um 7 Uhr, war das Frühstück um 9 Uhr reichlich verdient und schmeckte einfach himmlisch.

Doch an den folgenden Tagen durfte ich noch weiter dazulernen. Man kann Menschen im Wasser sehr gut „behandeln“. Dazu ist eine Person der Patient, meint „der Geduldige“, die anderen sind die Therapeuten, also die behandelnden. Der Wasserpatient legt sich auf das Wasser, die andern bewegen ihn, streicheln ihn, halten ihn und geben ihm in ihrer Mitte Schutz. Für den Behandelten ist die Prozedur pures Wohlgefühl. Da man die Augen zu hat und ganz abgetaucht ist, kann man die vielen Hände, die sich am Körper betätigen, nicht zuordnen. Ich war restlos entspannt, das Wohlgefühl war überall und keine Spur von Angst, dass ich irgendwie untergehen oder abtreiben könnte. Einfach himmlisch.

Die Gefühle, als Behandelnder auf der anderen Seite zu sein, präsentieren sich mir hingegen erst einmal zwiespältig. Es ist erstaunlich, aber ich bin es nicht gewohnt, den Körper eines anderen Menschen so ohne weiteres anzufassen und zu streicheln. Da ist eine fremde Haut, die sich anders anfühlt als die gewohnte eigene. Da ist ein regloser Körper, den ich bewegen kann, wie ich es möchte, da ist ein völlig entspanntes Gesicht. Da sind Haare, die wie ein Fächer im Wasser ausgebreitet sind und meinen Arm sanft berühren. Da sind Füße mit dicker Hornhaut, Füße mit groben oder kleinen Zehennägeln, da sind haarige Männerbeine oder rasierte Frauenbeine. Mir geht es nicht alleine so, ich teile meine zwiespältigen Gefühle mit anderen. Mit der Zeit gewöhne ich mich jedoch daran die andern ohne Scheu anzufassen. Allerdings beschäftigt mich dieses Erlebnis nachhaltig. Es ist die Erfahrung des Getrenntseins schlechthin, die mich berührt. Ich bin in meiner Haut gefangen, abgetrennt von den andern. Kein Wunder, dass man als Mensch sein Leben lang auf der Suche nach der verloren gegangenen anderen Hälfte ist. Unbestritten, im Wasser kommt man sich wieder näher!

Ein weiteres Erlebnis ist es, in das nasse Element abzutauchen und die Wasseroberfläche von der anderen Seite aus zu betrachten. Wieder legt man sich auf das Wasser, in diesem Fall mit Taucherbrille und Nasenklammer. Die Arme streckt man nach hinten aus, die Handflächen zeigen nach oben. Lässt man nun die Luft aus der Lunge und drückt sich gleichzeitig gegen die Luft ab, sinkt man nach unten. Natürlich sind keine längeren Aufenthalte unter der Wasseroberfläche möglich, aber für einige Sekunden geht es doch. Da man mehr Restluft hat als man denkt, kann man diese schön in kleinen Bläschen nach oben steigen lassen. Herrlich, wie die Blasen in den blauen, wasserverhängten Morgenhimmel steigen.

Ich habe viel Spaß an diesem Tun, die Zeit vergeht im Nu. Wasser ist einfach mein Element. Doch bei nicht allen geht das so einfach. Uwe müht sich mit Wolfgang ab, der kann nicht so einfach loslassen und sinken. Immer wieder steigt er nach oben, abtauchen will gelernt sein. Als es schließlich doch klappt, sind alle richtig glücklich. Die Erfahrung ist, dass das mit dem Loslassen ein Problem darstellt. Ganz wie im richtigen Leben ist dazu Vertrauen erforderlich, hier sogar in die eigene Kunst! Wolfgang ist eben ein Luftikus, das zeigt sich hier ganz deutlich.

Doch mit jedem Tag nimmt das Vertrauen und das sich Öffnen bei allen Teilnehmern zu. Wir werden immer mutiger, die Einzeltherapie, die jeder von uns, einmal von Yvonne und einmal von Uwe bekommt, unterstützt unsere Fortschritte ungemein. Es ist unglaublich schön, von einem ausgebildeten Wassertherapeuten geführt zu werden. Ich habe mich in den „Behandlungsplan“ bei Uwe für einen der letzten Termine eingetragen, weil ich mir dieses Zuckerstückchen bis ans Ende unseres Urlaubs aufheben wollte. Und dann war es so weit.

Ich legte mich in seine Armbeuge, ganz der Loslassprofi, und gab mich hin. Er schwenkte mich sanft hin und her, die Richtung wechselte irgendwie ständig und ich hatte das Gefühl durch das gesamte Becken gewirbelt zu werden. Irgendwann kam ein zarter Strich über meine Nase, die Nasenklammer wurde aufgesetzt. Ich registrierte, dass es nun unter Wasser gehen würde. Ein zartes Blubbern im Wasser zeigte mir die folgende Tauchfahrt an. Lufteinholen und Vertrauen. Ab ging es unter Wasser. Wie oft? Ich weiß es nicht mehr. Ich habe mich einfach hingegeben und bin voller Wonne durch das Wasser geschwebt. Ich habe Purzelbäume ausgeführt, bin mir vorgekommen wie eine Wasserschlange, irgendwann war ich ganz weit unter der Oberfläche und wurde durch die gegrätschten Beine von Uwe geleitet. Kein Problem, keine Angst stecken zu bleiben, keine Sekunde das Gefühl zu ersticken.

Doch irgendwann war auch dieses traumhafte Erlebnis zu Ende. Nachdem er mich wieder sanft in die Realität zurückgeholt hatte, fiel mir nur eines ein: „Was für ein großartiger Tanz!“ Genau dieses Gefühl hatte ich mir mein ganzes Leben lang erträumt. So stelle ich mir klassisches Ballett vor oder das Schweben von Delfinen im Wasser. Und so sollte es auch im Leben sein! „Das Leben ist der Tänzer und du bist der Tanz“ sagt Eckart Tolle in seinem neuen Buch, die neue Erde. Das Erlebnis im Wasser bedeutete für mich genau dies: So wie ich mich der Führung von Uwe hingeben konnte, so sollte

ich mich dem Leben auch hingeben. Ich kann mich einfach vertrauensvoll fallen lassen und das Leben durch mich hindurch wirken lassen. Alles wird zu einem grandiosen Tanz! Na, wenn das keine unglaublich schöne Erkenntnis und eine unglaubliche Offenbarung ist!

Irgendwann ist die schönste Woche zu Ende. Aber es gibt ja auch im kommenden Jahr eine Wiederholung. Montegrotto, wir sind dabei!

Angelika Pöhner, 24.02.2011

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yvonne kleemann