Gefangen im Fango

“Wie unergründlich tief ist Gottes Reichtum, wie tief seine Weisheit und seine Voraussicht! Wie unerforschlich sind seine Gerichtsurteile, wie unbegreiflich seine Führungen! Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer hat ihm je ein Geschenk gemacht, so dass er dafür etwas fordern könnte? Von Gott kommt alles, durch Gott lebt alles, zu Gott geht alles. Ihm sei Ehre für immer und ewig!” (Römer, 11,33)

Die Wege des Herrn sind unergründlich, fürwahr. Wie könnte ich im italienischen Fango gelandet sein, wenn nicht durch seine weise Voraussicht? Doch dahin bin ich einen langen Weg gegangen, habe eine geraume Zeit meines Lebens gelebt, bis ich dort gelandet bin, zu meinem Heil!

Bereits meine Omi ließ sich in den 60igern des letzten Jahrhunderts mit dem Bus nach Montegrotto fahren. Das war in einer Zeit, wo dies alles noch gar nicht selbstverständlich und schon gar nicht einfach mal eben so zu machen war. Erstens sind und waren die Alpen ein nicht unbeträchtliches Hindernis, das es auf dem Weg dorthin zu überwinden galt und noch immer gilt, will man in den Genuss des italienischen Fango kommen, und zweitens ist dieses Erlebnis auch noch kostspielig, denn man muss und möchte ja auch nebenbei noch ein wenig die, der Allgemeinheit viel besser bekannten, italienischen Genüsse lukullischer Art genießen. Dazu kommt, dass in meiner Vorstellung nur ältere Damen mit künstlichen Kräusellöckchen in den ergrauten Haaren und den entsprechenden Gebrechen ihre Körper in die lehmige Matsche packen lassen und so dort ihr(e) Heil(ung) suchen. Genügend Vorstellungen und Hindernisse die sich in meinem nun ebenfalls fast 60jährigen Kopf (Ego) aufgetürmt hatten, um diesen Ort des Heils und seine Segnungen bis dato weiträumig zu umfahren.

Doch die Zeiten ändern sich! Erstens bin ich nun auch nicht mehr ganz jung (die Haare trägt man heute als Frau zwar gefärbt und nicht grau gelockt und so kommt man sich viel jünger und viel weniger unheil vor) und zweitens habe ich dem Genossen Zufall Zutritt in mein Leben gewährt. Und so ist mir ein Aufenthalt in Montegrotto eben zugefallen und ich durfte dort, ohne Voreingenommenheiten, mein Heil finden.

Begonnen hat alles damit, dass ich durch meine persönlichen Umstände gefordert war, mein Leben zu hinterfragen. Macht das, wozu ich in Familie und Beruf meine Kräfte einsetze, eigentlich noch Sinn oder bin ich vielmehr eine Gefangene meiner Überzeugungen? Ist es richtig, die Tage und Jahre meines Lebens dem Erhalt eines gewissen monatlichen Betrags auf dem Konto zu opfern? Was ist mit der totalen Erschöpfung, die mich dann in die (ebenfalls kostspieligen) Urlaube trieb, deren Wirkung sich jedoch spätestens nach einer Woche, zurück im Alltagsgetriebe, regelmäßig in Wohlgefallen auflöste? Alles Gegrübel löste sich von selbst, denn ich musste aufgrund einer Krankheit meinen Beruf ganz aufgeben. Nun spukte in meinen Gedanken das Gejammer, fortan am Hungertuche nagen zu müssen, denn der Geldsegen floss nun deutlich spärlicher. Außerdem, so sprach es in mir, bin ich fortan nicht mehr erholungsbedürftig, denn ich bin ja nun nur noch Hausfrau! Schon wieder gute Gründe, Unternehmungen die gut tun, ganz weit weg zu schieben. Ich hatte dann schon lieber Geld als Gesundheit auf der sicheren Seite! Bis Christine letztes Jahr im italienischen Fango lag und mir in einer (gar nicht lauen und urdeutschen) Sommernacht 2009 davon erzählte... Mein Herz und meine Seele fingen Feuer und ich wollte nichts anderes mehr, als einmal selber im italienischen Fango liegen.

Und ein Jahr später war es soweit. Alle Hürden waren aus dem Weg geräumt und die Reise konnte starten. Heutzutage überfliegt man die Alpen einfach, vorausgesetzt man ersteht einen Platz im Flieger. Dann landet man von Köln aus nach 90 Minuten in Venedig und ein Taxi bringt einen in weiteren 40 Minuten nach Montegrotto. Lässt man einmal die Füllzeiten wie die Reise zum Flughafen, das Einchecken und das Auschecken weg, so ist man vom Münsterland aus in ca. 4 Stunden vor Ort. In Wirklichkeit dauert die Reise etwa doppelt so lang, aber das Ziel ist es wert. Viel Hitze und Sonne umgarnen den Ankömmling, das Hotel ist bestens darauf eingerichtet. Die Zimmer sind klimatisiert und im Park findet sich immer ein Plätzchen unter Palmen oder Pinien. Und dann gibt es da ja auch noch den Badebereich...

Ich fühle mich sehr rasch heimisch und da ich neugierig bin, vereinbare ich mit der Rezeption ein Probepaket Fango und Massage. Zuvor muss ich mich bei der hauseigenen Ärztin vorstellen, denn ungeprüft darf keiner in die Bäderabteilung! Sie muss sich damit abfinden, dass mir körperlich eigentlich nichts fehlt, was eher eine Ausnahme in der Nutzerklientel darzustellen scheint. Aber ich denke mir, Vorbeugen ist auch nicht übel und erfahre, dass ich am Montag um 3 Uhr (ja richtig gelesen!) angerufen würde. Dann solle ich in die Bäderabteilung kommen und hätte dann meine erste Fangopackung. Um 3 Uhr morgens ist die Luft in Montegrotto noch einigermaßen kühl, deshalb diese ungewöhnliche Zeit. Außerdem muss man an die Fanghini denken, das ist das geschulte Personal, das die Heilsuchenden in den Schlamm packt, denn diese Arbeit ist durchaus schweißtreibend.

Am Montag klingelt also in aller Frühe das Telefon und eine freundliche Stimme sagt: „Derr Fango iste fertig!“Schlaftrunken antworte ich: „Ja, ich komme!“, schlüpfe nackt in den Bademantel und irre los. Da ich mich im Haus noch nicht so richtig auskenne und vergessen habe, meine Brille aufzusetzen, ist es tatsächlich schwierig, meine Fanghina zu finden. Doch sie erkennt mich und lockt mich in die richtige Fangokammer. Auf einer Liege liegt er, der Fango! Schmutzig hellgrau sieht er aus! Ihm entströmt ein etwas muffiger Duft mit deutlicher Schwefelwasserstoffnote. Dann darf ich mich vorsichtig mit dem Po seitlich in die weiche Masse setzen und die Fanghina hilft mir, mich ganz hineinzulegen. Puh, ist das heiß! So fühlen sich also 50°C auf nackter Haut an! Ich stöhne ein wenig, die Fanghina lächelt milde und wissend. In mir unverständlichen italienischen Worten murmelt sie etwas Beruhigendes und klatscht mir den Fango über Arme und Beine. Mein Körper wird mit dem heißen Brei zugekleistert und anschließend in das Wachstuch eingewickelt. Ich erinnere mich flüchtig daran, dass früher die Babys in einen Puck geschnürt wurden. Bei ihnen hat man allerdings die Arme frei gelassen. Doch auch diese Freiheit fehlt mir in dieser Ganzkörperpackung. Obenauf kommt noch ein weißes Leintuch, die Fangomumie ist fertig. Die Fanghina verabschiedet sich freundlich auf Italienisch und überlässt mich, nachdem sie die Beleuchtung auf Dämmer gestellt hat, meinem Schicksal. Nach einiger Zeit erkenne ich, dass aus den dezent versteckten Lautsprechern Verdis Chor der Gefangenen aus Nabucco an mein freies Ohr dringt. Wie sinnig! Jetzt habe ich Zeit, unbeweglich und in Gefangenschaft über mein Leben nachzudenken! Der Schweiß beginnt zu rinnen, zunächst im Gesicht, bald am ganzen Körper. So geschnürt, wie ich da liege, habe ich nur eine Chance die Situation zu überleben: Ich muss einfach geschehen lassen, was da geschehen will. Ich darf nicht in Panik ausbrechen und alles von mir reißen. Geduldig muss ich mich hingeben und einfach nur schwitzen. Nicht einmal schreien kann ich, denn die Fanghina würde dann zwar herbeieilen und mich befreien, aber das verbietet sich von selbst. Schließlich habe ich mir die heiße Lage selbst eingebrockt. Also gilt es durchzuhalten! Doch so eine halbe Stunde kann deftig lange werden.

Und so steigen Gedanken auf, die mit selbst gewählter Gefangenschaft zu tun haben. Ich stelle fest, dass sich mein Leben an vielen Stellen so angefühlt hat. Dass ich öfters in meinem Leben eine Wahl getroffen hatte, die mich in eine Enge geführt hat, in der ich am liebsten alles von mir geschmissen hätte, genau so, wie nun die heiße Fangopackung. Doch ich habe die Enge und den Zwang meistens nicht ergeben hingenommen. Ich habe innerlich revoltiert und mich dagegen aufgelehnt. Mit welchem Erfolg? (Man muss sich nur einen vehementen Ausbruch aus der Fangopackung vorstellen und die Auswirkungen, die dieser nach sich ziehen würde... ) Aber vielleicht musste ich bis heute warten, dass mir diese Zusammenhänge klar werden konnten. Nein, ich habe den Groll und den Ärger meistens in mich hineingefressen und bin dann tatsächlich irgendwann explodiert. Viel Schmutz wurde in der Gegend verschleudert und wie es so ist, ich musste den Schmutz selber beseitigen. Alles erschien damals so plausibel, ich konnte nicht Falsches daran erkennen, fühlte mich stets schuldig in meiner fordernden Ungeduld.

Leise öffnet sich die Tür und die Fanghina schwebt leise an meine Leidensstätte. Sie nimmt das Leintuch und trocknet meine Stirn, ganz leicht und sacht. Dann überlässt sie mich wieder meinen Gedanken. Verdi begleitet uns leise.

So liege ich weiter im Dämmer und lerne loszulassen. Wenn man sich die Tatsache bewusst macht, dass auch diese Gefangenschaft im Schlamm vorübergeht und dass sie auch noch heilsam meinen Körper entschlackt, verliert die Enge ihre Macht und weicht einer wohligen Hingabe.

Denn was sich auf der Körperebene vollzieht, will auch im Geiste nachvollzogen werden. Welche Schlacken trage ich mit mir herum? Welche Altlasten wollen meinen Körper bzw. meinen Kopf verlassen? Da gibt es die Sorgen um das liebe Geld, die Fragen nach der Zukunft, die Probleme in der Partnerschaft, die überflüssige Kümmernis um die (erwachsenen) Kinder und vieles andere mehr. Ich darf alle diese bösen Geister als Gedankengebilde erkennen, die meiner eigenen Denkmaschine im Kopf entspringen. In diesem Moment –JETZT –sind sie alle bedeutungslos. Ich bin in Montegrotto, bin in wohlige Wärme gepackt und darf Nabucco hören, ein Umstand, den vor 200 Jahren kein Kaiser der Welt in dieser Vollkommenheit erleben konnte. Also, loslassen und genießen!

Das Licht geht wieder an. Vorbei das Philosophieren! Jetzt werde ich ausgepackt. Die Fanghina löst das Mumienpaket umsichtig und der Fango wird von meinen Armen und Beinen und vom Rücken gestreift. Ich bemerke, dass sie einen blütenweißen Kittel trägt, der keinen grauen Flecken aufweist! Ich denke: „Wie gelingt ihr das? Wie schafft sie es, andere in den Schlamm zu packen und selbst nichts abzubekommen?“Ein Engel! Sie putzt meine Füße ab, stellt dieselben auf die Erde und mich wieder in die Senkrechte. Jetzt werde ich in eine Duschkabine dirigiert und abgespritzt. Keine Hautfalte bleibt unbeachtet! Hinter ihr, in einem in den Boden eingelassenen Becken, blubbert es. Wie ein Kind werde ich von dem Engel in das Blubberbad geführt und darf mich setzen. Das Wasser ist ebenfalls etwas ganz Besonderes: Heilwasser aus den vulkanischen Tiefen der Umgebung von Montegrotto. Auch das Wasser riecht leicht moderig und es ist 36°C warm. Ein kleines Luftkissen unter dem Kopf ermöglicht es mir, ruhig in dieser Blubbersuppe zu schweben. Wie lange ich da so vor mich hin hoppeln darf, ich weiß es nicht. Ich fühle mich unsagbar leicht, mein Körper schwebt einfach, ebenso die Arme und die Beine. Alle Zeit hat sich verflüchtigt. Ich genieße den Augenblick.

Irgendwann kommt der weiße Engel wieder und bedeutet mir, aufzustehen. Ach, was fühlt sich ein Körper nach dieser luftig-wässrigen Blubberei schwer an? Unglaublich. Ich sinke in ein Leintuch das mir, auf einem Stuhl ausgebreitet, zum Abtrocknen gereicht wird. Dankbar lasse ich mich einhüllen und Abtupfen vor es wieder in den Bademantel einzusteigen gilt. Dann bin ich aus Plutos Reich entlassen und suche meinen Weg zurück ins Bett. Ein Lift bringt mich in den 7. Stock des Hauses, al Cielo, wie die Italiener mir sagten, in den Himmel und in der Folge in mein Bett. Die Tür lasse ich angelehnt, denn durch sie soll in Kürze der Masseur schlüpfen. Ich schlafe gleich wieder ein...

Der Masseur kommt leise, schiebt das hohe Seniorenbett (nun weiß ich weshalb das Ding so hoch ist!) in die geeignete Position und beginnt sein Werk. Ich gebe mich einfach hin und bin auf eine zärtliche Behandlung eingestellt. Doch der gute Mann fegt mit seinen kräftigen Händen wie ein Tornado über meinen Körper hinweg. Er knetet, trommelt, klopft, schüttelt an mir herum, schnipst über meine Energiebahnen, fährt die Wirbelsäule mit der Faust entlang, mir vergehen Hören und Sehen. Hat er dies bei dem Tornado abgeguckt, der drei Tage zuvor über Montegrotto gebraust war? Dieser hatte am Freitagabend Bäume entwurzelt, Dächer abgedeckt und Liegestühle durcheinander geschmissen und ein regelrechtes Chaos hinterlassen. Nach geraumer Zeit lässt er von meinem völlig durchgekneteten Body ab, deckt mich sanft zu und entschwebt wieder. Mein Mann hat sich umgedreht und so getan, als hätte er von der gesamten Prozedur nichts mitbekommen. Yvonne hat mir den Zweck der Übung später beim Frühstück erklärt: Auch die letzten Ablagerungen meines lahmenden Stoffwechsels sollen aus den Gelenken und aus den subkutanen Schichten gelöst und entfernt werden. Na prima, nun muss ich nur noch weiter loslassen und alle angesammelten Schlacken der letzten Jahre können sich verabschieden. Das mentale Programm geht weiter: Was auf der Körperebene gut ist, ist besonders auch für den Geist gut!

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es mittlerweile fast 5 Uhr morgens ist. Die Sonne geht tiefrot im Osten auf und mein „Kurplan“weist darauf hin, dass um 6 Uhr die Zeit zur Meditation gekommen ist. Erschöpft und durchaus „aufgekratzt“drehe ich mich noch einmal zur Seite und schlafe auch prompt wieder ein. Wolfgang bleibt die schöne Aufgabe, mich um 6 Uhr liebevoll in die Welt und zur anschließenden Meditation zurückzuholen.

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yvonne kleemann